5 Fragen an Simon Weinert

Simon Weinert

Endlich liegt er komplett als Ebook-Serie vor, der Tassilo von Simon Weinert. Die tolldreiste Fantasy-Adoleszenz-Saga ist zudem schon seit geraumer Zeit in kompletter Form als erste Printausgabe des Beben-Verlags erhältlich. Das sind gleich zwei Gründe, dem gewitzten Mumienabrichter-Abrichter Simon Weinert auf den Zahn zu fühlen.

Simon, was genau ist denn nun eigentlich Barockpunk?

Simon Weinert: Den Begriff hat Boris Koch geprägt, nachdem er -- als einer der Ersten -- den Tassilo gelesen hat. Ich fand ihn sehr passend. Die Fantasy-Welt des Romans ist sehr ausschweifend, derb, gleichzeitig aber auch gekünstelt und auf äußerliche Formen bedacht, zudem laufen Leute, die etwas auf sich halten, mit Perücken herum. Das hat in vielerlei Hinsicht etwas Barockes. Auf der Plot- und Charakterebene geht es aber sehr viel um lauten, schrillen Teenagerfrust, um das dissonante Unbehagen der Adoleszenz, es scheppert und kracht, tut weh. Punk trifft diesen Aspekt sehr gut. Und deshalb hat mir dieses Label sehr gefallen.

Ist Tassilo ein gebrochener Held, ein Antiheld oder "eher ein Arschloch" (Zitat: Ralf Steinberg)?

Tassilo PrintausgabeSimon Weinert: Ich würde eher zum Arschloch tendieren. Im gebrochenen Helden steckt noch so ein "eigentlich" drin, und das ist bei Tassilo nicht gegeben. Klar, er ist ein fühlender Mensch und hat es nicht leicht und verdient deshalb "eigentlich" auch unsere Sympathie, deshalb ist er trotzdem nicht "eigentlich" ein Held. Mit dem Antihelden fühle ich mich auch nicht so wohl, obwohl die Bezeichnung wahrscheinlich schon irgendwie zutrifft. Aber in dem Begriff schwingt irgendwie mit, dass der Autor absichtlich das Gegenbild eines Helden entwirft. Und das wollte ich so eigentlich gar nicht. Ich habe einfach nur mit einer Figur angefangen, die durch das Vorbild ihrer Eltern und der Gesellschaft, in der sie aufwächst, verkorkst ist, und habe versucht, die dann weiterzuentwickeln. Und da hat sich mir halt (fast) nirgends eine Möglichkeit aufgetan, aus der Figur einen Helden zu machen. Deshalb ist Tassilo in meinen Augen einfach ein Arschloch, aber eines, das ich trotz allem sehr mag!

Mit welcher irdischen Sportart lässt sich das Hasenfegerspiel vergleichen?

Simon Weinert: Ich glaube, am ehesten mit Polo oder wie das heißt. Allerdings kenne ich Polo nicht, von daher: keine Ahnung. Natürlich habe ich dabei auch an das unirdische Quidditch gedacht, wobei das Hasenfegerspiel dann sehr schnell eine andere Stimmung bekommen hat und auch eine andere Funktion im Tassilo hat als das Quidditch in Harry Potter.

Tassilo Teil 4Welche Rolle spielt Magie in deinem Roman?'

Simon Weinert: Ich habe, was Magie betrifft, zwei unterschiedliche Wege verfolgt. Auf der einen Seite gibt es Dinge wie Schwebbretter und sich bewegende Affenmumien, die zwar irgendwie magisch wirken, die innerhalb der Romanwelt allerdings eine quasi-naturwissenschaftliche Erklärung haben. Von dieser Sorte wollte ich einiges im Tassilo drin haben, denn mir ist der sense of wonder sehr wichtig. Dieses Gefühl, dass man es mit einer wunderlichen Welt zu tun hat, die überrascht und - zumindest bezüglich gewisser Aspekte - nichts mit den eigenen Erfahrungen zu tun hat.

Parallel dazu gibt es “richtige” Magie, wie sie zum Beispiel der Herxerfürst Worspell einsetzt. Die wirkt vielleicht ein bisschen erratisch, rätselhaft, aber mir war gerade bei der Magie wichtig, dass sie nicht greifbar, erklärbar, vorhersagbar ist. Ich wollte nicht, dass Magie nach irgendwelchen Regeln funktioniert, schließlich spielt die Handlung während einer Zeit des Chaos, da fände ich in Zauberbibliotheken alphabetisch sortierte Sprüche und dergleichen ein bisschen zu unchaotisch. Reizvoller fand ich da, diese ganze Magie ganz kryptisch, beinahe aus dem Zusammenhang gelöst auftauchen zu lassen.

Aber abgesehen von der Herangehensweise: welche Rolle spielt die Magie nun im Tassilo? Zum einen löst sie etliche Handlungselemente aus, die schließlich im hektischen Showdown enden. Aber über diese rein plotmechanische Rolle hinaus spielt die eigentliche Magie eigentlich keine große Rolle. Tassilo mit seinen selbstgemachten und gesellschaftichen Zwängen und Vorstellungen verursachten Problemen steht eindeutig im Fokus der Geschichte und nicht die Magie.

Und trotzdem: Wenn wir im übertragenen Sinne von Magie sprechen, dann spielt sie wiederum eine für mich persönlich entscheidende Rolle, weil mir daran gelegen war, eine durch und durch fantastische Welt zu erschaffen, die zwar genügend Anknüpfungspunkte an unsere Realität behält, um verständlich zu sein, aber immer wieder mit ihrer Fremdartigkeit und Exotik überrascht. Das ist ein Zauber, der mir beim Tassilo sehr wichtig war.

Warum ist 2015 das ideale Jahr, um "Tassilo" seinen Siegeszug in der Fantasyliteratur antreten zu lassen?/

Simon Weinert: Ich glaube nicht, dass 2015 das ideale Jahr ist, um den Tassilo in die Welt hinauszuschicken, denn aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen mit ihm wird er das doch auch bloß wieder verbocken, und man kann nur hoffen, dass er auf seinem “Siegeszug” nicht zu viel Kollateralschaden anrichtet. Ich glaube nicht, dass aus dem Jungen noch mal was Anständiges wird, auch 2015 nicht, der macht in jedem Bücherregal Ärger. Würden wir noch in den Fünfzigerjahren leben, wo solche Erziehungsmaßnahmen noch angesagt waren, würde ich jedem Leser raten, dem Kerl ein paar zwischen die Buchdeckel zu geben, wenn er mal wieder Stunk macht. Aber da wir solche Methoden zum Glück abgelegt haben, können wir nur wohlwollend, fassungslos oder empört zusehen, wie das Verderben seinen Lauf nimmt. Und vielleicht auch ein bisschen hoffen, das schadet nie.

Tassilo der Mumienabrichter: Printausgabe

Tassilo der Mumienabrichter: Teil 1: Elon / Teil 2: Im Grund / Teil 3: Der Leibling / Teil 4: Affentod